Der Hahn, das Huhn und der Kater

Es lebten ein Hahn, eine Katze und eine Henne. Die Katze ging mit dem Hahn in den Wald Bäume fällen, die Henne blieb zu Hause und kochte das Essen. Die Henne kochte in einer Eierschale Suppe.
Da kam ein Fuchs ins Haus, sagte:
"Hallo-hallo, Gevatterchen, was machst du hier?"
Das Hennlein antwortete:
"Ich koche das Essen."
Der Fruchs fragte:
"Laß mich es probieren!"
Die Henne sagte:
"Nein, ich gebe nicht."
Der Fuchs bat:
"Gib, gib doch, Hennlein!"
Das Hennlein gab ihm etwas zu probieren. Der Fuchs probierte zuerst die Brühe, schmeckte sehr gut. Dann probierte er den Suppensatz, schmeckte noch besser.
So fraß der Fuchs die ganze Suppe auf. Dann lud der Fuchs die Henne ein:
"Komm, Gevatterchen, auf meinen Schlitten, ich werde dir eine Lustfahrt um das Haus machen.
Die Henne antwortete:
"Nein, du betrügst mich. Wirst mich irgendwohin wegbringen."
Der Fuchs sagte:
"Komm doch! Komm! Ich bringe dich nicht weg!"
Das Hennlein setzte sich auf den Schlitten. Der Fuchs zog den Schlitten dreimal um das Haus, beim vierten Mal aber ging er weg.
Die Henne fing an zu jammern:
"Hähnchen, Kätzlein!
Man bringt das Hennlein über Wasser und Berge,
über Grenzen und Felder!
Hähnchen, Kätzlein!
Man bringt das Hennlein über Wasser und Berge,
über Grenzen und Felder!
Hähnchen, Kätzlein!
Man bringt das Hennlein über Wasser und Berge,
über Grenzen und Felder!
Kommt zu Hilfe!"
Der Huhn und die Katze hörten dieses Jammern und kamen der Henne zu Hilfe. Sie nahmen dem Fuchs das Hennlein weg und brachten es nach Hause.
Es kam der andere Morgen. Der Hahn mit der Katze wollte wieder in den Wald arbeiten gehen. Sie sagten dem Hennlein:
"Laß dich von dem Fuchs nicht mehr betrügen! Koche auch kein Essen."
Das Hennlein antwortete:
"Ich lasse nicht."
Der Hahn und die Katze gingen weg und die Henne fing an zu kochen. Die Suppe wurde fertig. Wieder kam der Fuchs und sagte dem Hennlein:
"Hallo-hallo, Gevatterchen," und fragte:
"Was machst du hier?"
Das Hennlein antwortete:
"Ich koche das Essen."
Der Fuchs bat:
"Laß mich auch mal probieren!"
Die Henne:
"Nein, ich gebe nicht. Gestern kam einer und betrog mich."
Der Fuchs sagte:
"Dieser hatte eine weiße Schwanzspitze. Ich habe eine schwarze Schwanzspitze." Der Fuchs hatte aber seine Schwanzspitze mit Ruß schwarz gemacht. So gab die Henne dem Fuchs wieder die Brühe zu probieren. Es schmeckte sehr gut.
Der Fuchs bat:
"Gib doch auch etwas Dickeres zu probieren!"
Das Hennlein lehnte ab:
"Nein. Du wirst alles auffressen."
"Gib doch, gib! Ich fresse nicht alles auf."
So gab die Henne auch den Suppensatz und der Fuchs fraß alles auf.
Dann sagte er der Henne:
"Komm, Gevatterchen, ich mache dir für die gute Suppe eine Fahrt!"
Die Henne verweigerte:
"Nein. Du bringst mich weg."
Der Fuchs versicherte:
"Nein, das mache ich nicht. Ich fahre dich nur um das Haus."
Das Hennlein setzte sich wieder auf den Schlitten. Der Fuchs fuhr es dreimal um das Haus, beim vierten Mal aber bog er ab und brachte die Henne in den Wald.
Die Henne fing an, zu Hilfe zu rufen:
"Hähnchen, Kätzlein!
Man bringt das Hennlein über Wasser und Berge,
über Grenzen und Felder!
Hähnchen, Kätzlein!
Man bringt das Hennlein über Wasser und Berge,
über Grenzen und Felder!
Hähnchen, Kätzlein!
Man bringt das Hennlein über Wasser und Berge,
über Grenzen und Felder!"
Das Hähnchen mit der Katze hörten, daß man die Henne wegbringt. Sie liefen zu Hilfe, nahmen dem Fuchs die Henne weg und brachten nach Hause.
Es kam der dritte Morgen. Der Hahn und die Katze wollten wieder in den Wald gehen. Sie warnten die Henne, daß diese sich nicht vom Fuchs soll betrügen lassen.
Die Henne meinte:
"Nein, mehr lasse ich nicht."
Die Henne fing wieder an, Suppe zu kochen. Wieder kam der Fuchs ins Haus und sagte:
"Hallo-hallo, Gevatterchen! Was machst du hier?"
Das Hennlein antwortete:
"Ich koche das Essen."
Der Fuchs bat:
"Gib auch mir etwas zu probieren!"
Die Henne verweigerte:
"Nein, du wirst alles auffressen. Meine Familie arbeitet im Wald, sonst bleibt ihnen nichts zu essen. Hier waren schon zwei Füchse, die betrogen mich und fraßen alles auf."
Der Fuchs erklärte:
"Das waren andere Füchse, einer mit der schwarzen, der andere mit der weißen Schwanzspitze. Aber siehe, ich habe eine blutrote Schwanzspitze." Selbst hatte er seine mit Ruß beschmierte Schwanzspitze sauber gewaschen und dort mal eingeschnitten, damit etwas Blut herauskam und er seinen Schwanz blutrot machen konnte.
Die Henne glaubte dem Fuchs, daß dieser ein anderer sei, daß er keiner von denen sei, die sie betrogen hatten. Dieser war aber derselbe wie früher. Die Henne glaubte dem Fuchs und gab ihm die Brühe zu probieren. Der Fuchs probierte und sagte:
"Schmeckt das aber gut! Gib doch auch etwas Dickeres!"
Die Henne gab und so fraß der Fuchs wieder das ganze Essen auf.
Jetzt schmeichelte der Fuchs wieder die Henne, daß diese sich auf seinen Schlitten setzen soll, er wolle sie für das gute Essen fahren.
Das Hennlein sagte:
"Nein, ich komme nicht. Du bringst mich in den Wald."
Der Fuchs versicherte:
"Nein, ich fahre dich nur um das Haus."
Das Hennlein setzte sich auf den Schlitten und der Fuchs brachte sie wieder weg in den Wald.
Als das Hennlein verstand, daß sie wieder in den Wald gebracht wird, fing es an, zu Hilfe zu rufen:
"Hähnchen, Kätzlein!
Man bringt das Hennlein über Wasser und Berge,
über Grenzen und Felder!
Hähnchen, Kätzlein!
Man bringt das Hennlein über Wasser und Berge,
über Grenzen und Felder!
Hähnchen, Kätzlein!
Man bringt das Hennlein über Wasser und Berge,
über Grenzen und Felder!"
Das Kätzlein und das Hähnchen hörten aber den Hilferuf der Henne nicht und wußten nicht, daß sie kommen sollten. So brachte der Fuchs das Hennlein in seine Höhle.
Das Hähnchen und das Kätzlein kamen nach Hause. Sie sahen, daß das Hennlein weg war. Sie füllten einen Sack mit Asche und gingen die Henne suchen. Sie gingen zur Höhle des Fuchses und riefen den Fuchs heraus, Salz zu kaufen.
Der Fuchs kam hinaus und fragte:
"Wie sieht euer Salz aus?"
Das Hähnchen und das Kätzlein antworteten:
"Wenn du das sehen willst, stecke deinen Kopf in den Sack, dann wirst du sehen, wie das Salz ist."
Der Fuchs steckte seinen Kopf in den Sack. Das Hähnchen und das Kätzlein schlugen mit einem Pfahl noch hinterher. Sie steckten den Fuchs in den Sack, banden den Sack auch fest. Dann retteten sie das Hennlein aus der Höhle des Fuchses und gingen zusammen mit dem Fuchs und dem Hennlein nach Hause. Sie fingen an, alle zusammen zu leben. Sie leben noch heute, wenn sie nicht gestorben sind.

36. Der Hahn, das Huhn und der Kater. S 51248/56 (3) < Setu, Mäe v., Suure-Rõsna k. < Järvesuu v., Popovitsa k. - Aleksei Nurmetu < Andrei Vaher, geb. 1906 (1933). - Mtº 218 C + AT 61 B - Vaglake, 9 Varianten + Der Hahn, das Huhn und der Kater, 49 Varianten. Von der vorliegenden Kontamination gibt es zwei Beispiele. AT 61 B wird meistens getrennt erzählt, mit Mtº 218 C beginnt man oft auch andere Kontaminationen: 218 + 20 C + 20 A + 21 + 56 C+ 154 IV oder gibt es eine Knüpfung an dieselben Erzählungen in einer anderen Reihenfolge. AT 61 B ist in östlichen Ländern verbreitet, Estland bildet hier die westliche Verbreitungsgrenze.




Dumm wie der alte Hirtenhund

Ich war etwa achtzehn oder neunzehn, als ich in Tudulinna zu der Hochzeit eines Verwandten war, wo sich die folgende lustige Geschichte abspielte.
Voll von Hochzeitslust fing Joan Mardisa an, auf Russisch zu singen:
"Beim Flüßchen
neben der Brücke
fächst das Gras."
Der Schwiegervater der Hochzeit, der Onkel von Joan, lachte ach-ach-ach-haaa!!! und prahlte:
"Ist mein Neffe aber ein echter Hochzeitskerl!"
Die Tante von Joan aber kam, schüttelte ihren Finger und sagte schnippisch:
"Och, dieser Joan, das ist doch kein Lied, das er singt!" und fing an, Joan zu tadeln. (Weder Onkel noch Tante noch Joan konnten Russisch. Joan hatte das Lied im Frühling bei den russischen Holzarbeitern ein paarmal gehört, hatte ein gutes Gedächtnis, wußte das Lied auswendig.)
Joan aber ließ sich nicht stören, sang bis zum Ende und sagte dann:
"Meine Tante ist dumm wie der alte Hirtenhund, er weiß von den neuen Schriften nichts."
Zuerst lachten die Hochzeitsgäste, hörten aber bald damit auf, weil Joan zu der Tante etwas so Freches gesagt hatte. Nun fing die Tante erst recht an, Joan dafür zu tadeln, daß dieser so grob ist - zuerst ein so dummes Lied singt und dann die Tante vor so viel Volk so grob nennt.
Als die Tante sich einigermaßen beruhigt hatte, erzählte Joan:
"In alten Zeiten irrte ein Hahn im Wald vom Weg. Da er nicht mehr wußte, in welcher Richtung das Dorf lag, flog er in die Spitze eines großen Baumes und fing an zu singen.
Ein Fuchs hörte das Singen des Hahns, lief unter den Baum und sagte:
"Kannst du aber gut singen! Komm doch herunter, singe hier und ich tanze."
Der Hahn antwortete:
"Ich komme nicht herunter, du wirst mich zerreißen."
Der Fuchs sagte:
"Du sollst doch wissen, daß jetzt neue Schriften gelten, daß keiner mehr den anderen zerreißen darf."
Der Hahn sang wieder am Baum.
Der Fuchs fragte: "Was singst du jetzt?"
"Ach, nichts Besonderes," erwiderte der Hahn, "ich sehe den alten Hirtenhund hierher kommen."
"Es scheint, daß ich jetzt weggehen muß," sagte der Fuchs.
"Warte doch ein bißchen, bis der alte Hirtenhund kommt, dann können wir alle zusammen gehen," sagte der Hahn.
"Nein, ich muß gehen," sagte der Hahn, "sonst wird der Hund mich noch zerreißen."
"Du selbst doch hast gerade gesagt, daß jetzt die neuen Schriften gelten, daß niemand mehr den anderen zerreißen darf," sagte der Hahn.
Der Fuchs aber bereitete schon seine Füße zum Laufen vor, streckte seinen Schwanz hoch und sagte:
"Der alte Hirtenhund ist dumm, ich glaube, er weiß von den neuen Schriften nichts."
Jetzt aber fing ein Lachen an und die Tante, die getadelt hatte, lachte so, daß ihr Tränen in die Augen kamen, und sagte: "Och, dieser Joan, bist du aber ein verdammter Schelm! Man muß über dich so lachen, daß einem der Bauch weh tut. Hätte ich gewußt, daß du mir deshalb so sagtest!"

37. Dumm wie der alte Hirtenhund. H II 7, 731/3 (1) < Iisaku, Tudulinna - D. Timotheus (1889). - AT 62 - Die Friede unter den Tieren - 6 handschriftliche Varianten. Ein populärer Text in Schulbüchern - zumindest in 15 verschiedenen Schulbüchern erschienen (einige von ihnen wurden sogar mehrmals herausgegeben), ebenso in Kalendern (seit Lindfors 1854).




Auf Bäumen sitzen verboten

Ein Fuchs sah am Baum ein Rebhuhn sitzen, ging unter den Baum und redete:
"Weißt du, Rebhuhn, ich kam, um dir eine Nachricht zu erzählen. Jetzt gilt für alle Rebhühner der Befehl, daß sie nicht mehr an Bäumen und Ästen sitzen dürfen, sondern auf der Erde laufen müssen. Komm doch gleich, wie befohlen, herunter zu mir auf die Erde!"
"Völlig richtig," versicherte das Rebhuhn, "ich habe diesen Befehl selbst gelesen, aber dort gab es noch einen Befehl. Für die Füchse."
"Welchen? Ich habe diesen weder gesehen noch gehört," fragte der Fuchs.
"Der zweite Befehl war für die Füchse, daß diese vom heutigen Tag an an den Baumästen springen müssen. Komm, komm doch jetzt gleich hoch zu mir, dann gehe ich herunter auf die Erde."
"Dieser Befehl wurde wohl gegeben," antwortete der Fuchs," ich habe aber jetzt keine Zeit, ihn zu erfüllen. Ich friere an Füßen und meine Kinder warten mich nach Hause. Ich werde ein anderes Mal dem Befehl folgen. Auf Wiedersehen!"
Dann lief der Fuchs in den Wald. Seine List hatte ihm dieses Mal nicht geholfen.

38. Auf Bäumen sitzen verboten. RKM I 6, 135 < Kose, Ravila - August Palm (1910-1957). - AT 62* - 2 Varianten. Wahrscheinlich eine individuelle Prägung zum vorigen Typus.




Wie der Fuchs sich von den Flöhen befreit

Einmal am Anfang des Sommers, als das Wetter sehr heiß war, ging ein Fuchs einen Fluß entlang. Er war sehr vorsichtig, damit keiner ihm etwas Böses antun könnte. So ging er etwa eine Stunde und wollte sich dann in den Fluß eintauchen.
Irgendjemand, der im Wald Reisig sammelte, konnte das alles zusehen.
Zum Schluß nahm der Fuchs ein Büschel Heu ins Maul und tauchte sich dann ganz langsam in den Fluß. Zuerst ließ er die Spitze seines Schwanzes in den Fluß, dann langsam weiter und weiter, bloß sehr langsam. Seine Flöhe krohen immer höher, um übers Wasser zu bleiben, bis sie alle auf dem Hals des Fuchses waren. Der Fuchs tauchte sich noch tiefer ins Wasser. Zum Schluß war er so tief im Wasser, daß nur die Spitze seiner Nase übers Wasser reichte. Nun krochen die Flöhe in das Heubüschel, das der Fuchs im Maul hielt.
Plötzlich tauchte der Fuchs sich ganz unters Wasser und ließ das Heubüschel los. Gleich kam er auch wieder aus dem Wasser heraus auf die Küste und lief in den Wald.
Der Mann, der am Reisigsammeln war, konnte solange nicht verstehen, was das schlaue Tier angerichtet hatte, bis er endlich auf die Küste kam. Er zog das Heubüschel mit einem Stock aus dem Wasser und nahm es in die Hand. Oo, weh! Das Heu war so voll von Flöhen, daß der Mann sie gar nicht mehr los wurde!
Auf diese Weise befreien sich die Füchse von Flöhen, wie es in dieser alten Geschichte gesagt wurde.

39. Wie der Fuchs sich von den Flöhen befreit. H II 30, 292/3 (5) < Rannu, Valguta v. - A. Tobber (1889). - AT 63 - 10 Varianten.




Der Fuchs mit der Pfeife

Einmal beschloß ein Fuchs, auf solcher Art und Weise wie die Menschen auf der Erde zu leben. Er schaffte sich eine gute Pfeife mit Kupferverzierungen und etwas Tabak an. Zu Hause stopfte er etwas Tabak in die Pfeife, zündete ihn an, und es kam so viel Rauch aus wie aus dem Schornstein.
Aber was für ein Unglück! Das Feuer war aus der Pfeife herunter ins Stroh gefallen und die Fuchshöhle hatte angefangen, zu brennen. Zuerst begriff der Fuchs nicht, woher der Rauch kam; er hielt ihn für den Pfeiferauch. Der Kopf ging ihm schon vom Tabakrauch herum.
Zum Schluß stieg die Flamme so hoch, daß der Fuchs durch das Feuer springen mußte, wobei er seinen schönen Bart und seinen Schwanz verbrannte. So aussehend mußte er allen anderen zum Lachen herumgehen, und heute noch haben seine Enkel einen dunklen, schwarzgebrannten Bart und Schwanz.

40. Der Fuchs mit der Pfeife. E 10926/7 (4) < Tõstamaa, Pootsi - J. A. Weltmann (1894) und ERA II 210, 73/4 (9) Tõstamaa - A. Valtenberg (1939). - AT 66 A* - 11 Varianten. Der Verbreitung haben auch Druckschriften sein Willmann beigetragen (1782).




Das Futter von Fuchs und Wolf

Nordwind und südliche Sonne, dann ist es gut warm.
Alle Tiere wurden befragt, was sie wollen. Es wurde gefragt:
"Was begehrst du dir zum Essen?"
Der Fuchs sagte:
"Ich will für mich nichts. Nordwind und südliche Sonne, dann ist es gut warm zu schlafen. Wenn ich klug bin, dann bekomme ich mir Futter ohnehin."
Man fragte den Wolf:
"Was willst du?"
Der Wolf sagte:
"Katzen und Hunde und Ferkel sind mein Fraß, die werde ich mir schon selbst besorgen."

41. Das Futter von Fuchs und Wolf. ERA II 251, 80 (4) < Kullamaa, Kolovere - Vello Eenveer < Jüri Varblane, geb. 1866 (1938). - Mtº 66 C - 1 Variante. Die Anfangsphrase der Erzählung ist auch als Sprichwort notiert worden.




Die kluge Maus

Einmal kam eine Maus aus ihrem Loch hinaus und sah eine Falle.
"Siehe doch," sagte sie, "da steht eine Falle!" Seid ihr aber kluge Leute - ihr habt einen schweren Ziegelstein auf drei Späne aufgestellt und an einen Span etwas Speck gefestigt! Dieses Ding nennt man Mäusefalle! Wir, Mäuse, wisser sehr gut, daß der Stein, sobald man den Speck mit der Nase berührt, herunterfällt und die genäschige Maus totschlägt!"
"Aber trotzdem," sprach die Maus weiter, "wenn man den Speck riecht, wird das allein noch keinen Schaden hervorrufen. Ich aber mag den Geruch des Specks über alles in der Welt. Vor bloßem Riechen kann eine Falle doch noch nicht zufallen."
Sie lief zur Falle und roch den Speck. Der Stein fiel herunter und schlug die naschhafte Maus tot.
So denken die Mäuse immer, bevor sie auf die Jagd gehen.

42. Die kluge Maus. E 55176/7 < Vändra, Käru (1924). - Vgl. AT 68* - 11 Varianten. Eine populäre Geschichte in Schulbüchern und Kalendern seit Gressel (1855).




Unschöne Kinder

Ein Fuchs sagte, er sei in Pohlamaa unterwegs gewesen, auf der anderen Seite von Virulinna, nicht weit von Munamäe, bei der Quelle von Tölparu. Dort habe er eine tiefe Höhle gefunden, wo ein häßliches Volk wohnt. Die alte Hausfrau selbst habe ausgesehen wie eine alte Hexe.
Der Fuchs trat ein, grüßte. Dann lobte er, daß die Kinder so schön seien wie die des Königs. Die werden wohl zum Stolz unseres Landes wachsen.
Der Wolf ging hinein, sagte:
"Was für höllische Wesen sollen das denn sein! Solche sollte man an einer Stange hängen und auf dieser Weise die Sumpfteufel fangen!"
Die alte Hausfrau sei wie aus dem Bogen geschossen auf ihn gestürmt. Habe mehrere Zähnebisse in seine Haut gedrückt. Der Wolf konnte nur mühsam sein Leben retten.

43. Unschöne Kinder. E 60143 (20) < Noarootsi - Paul Ariste < Joosep Simonson, 68 J., eingesiedelt von Lyckholm, Österby (1927). - AT 68** - 1 Variante. Vgl. AT 51 A und 247.




Der Topf als Falle

Ein Fuchs ging auf den Hof eines Hauses. Die Hausfrau hatte das Sahnefaß auf den Hof gebracht, damit dieses abkühlen würde.Der Fuchs fraß die ganze Sahne auf, nur den Boden ließ er ungeleckt.
Es kam auch ein Wolf dorthin und sagte:
"Gevatterchen, Gevatterchen! Zeige, wo ich etwas zum Fressen bekomme!"
Der Fuchs, schlaues Tier, sagte dem Wolf:
"Die Hausfrau hat ihr Sahnefaß auf dem Brunnenrand. Gehe und stecke deinen Kopf ins Faß, aber nicht ganz tief, sonst kannst du deinen Kopf nicht mehr herausziehen."
Der Wolf steckte seinen Kopf mühsam bis zum Boden hinein und konnte ihn nicht mehr herausziehen. Der Fuchs war ebenso auf dem Hof und fing an zu bellen.
Der Hausmann dachte, daß sein eigener Hund bellt. Er ging auf den Hof, um nachzusehen. Er sah den Wolf. Er sprang dem Wolf auf den Rücken, da er hoffte, so den Wolf fangen zu können.
Der Wolf lief in den Wald, der Mann auf dem Rücken. Der Mann fing an zu schreien:
"Gute Nacht, Welt, der Teufel will mich holen!"
Der Wolf ging durch ein dichtes Gebüsch und der Mann fiel herunter. Auch der Wolf konnte zwischen den Schutthaufen seinen Kopf wieder herausziehen.

44. Der Topf als Falle. ES MT 233, 5/6 Muhu, Lõetsa k. - Juhan Arike < Eed Vilter, 77 J. (1938). - AT 68 A - 2 Varianten.




Der Fuchs ertränkt den Krug

Es gingen Schnitter mit Sicheln aufs Feld. Sie nahmen mit einem Topf oder Krug Milch mit und stellten das Gefäß unter einen Busch. Es kam ein Fuchs, stach seinen Kopf in den Krug, fraß die Milch auf und wollte den Kopf wieder herausziehen. Das konnte er aber nicht. Er drehte wohl seinen Kopf auf die eine und auf die andere Seite, konnte seinen Kopf aber doch nicht herausziehen. Der Kopf war im Krug und der Fuchs konnte nichts dafür.
Der Fuchs ging zum Fluß, um den Krug zu ertränken, und tauchte seinen Kopf in den Fluß.
Bald war der Krug voll von Wasser und ging unter. Der Fuchs ertrank samt dem Krug.
So bekamen die Schnitter keine Milch. Es ertrank der Krug und es ertrank der Fuchs.

45. Der Fuchs ertränkt den Krug. ES MT 247, 40 < Lutsi, Põlda v., Jaani k. - August Sang < Meikul Jarošenko, 71 J. (1938). - AT 68 B - 8 Varianten.




Wir sehen uns bei Gerber wieder

Einmal sagte ein Wolf zu einem Fuchs: "Wie könnte bloß unser Ende aussehen. Mein Vater wurde erhängt, was wird bloß uns erwarten?"
Der Hühnerdieb antwortete: "Knochenschmerzen töteten meinen Vater, die Bauern hatten ihn stark geprügelt. Langsam rächte ich mich auch bei ihnen. Ich ließ ihnen keine Hühner mehr über. Kein einziges Hühnchen. Ich ließ nur die Federn liegen, um ihnen klar zu machen, daß sie meinen Onkel hätten nicht prügeln sollen."
Dann heulte der Wolf in Sorgen:
"Ich habe mehr böse Taten. Wer weiß, ob der Himmel mir das alles vergeben wird? Das wird wohl viel Zeit in Anspruch nehmen, bis ich alle meine Taten bereuen werde, die ich in dieser Welt angerichtet habe... Aber hast du gehört? Der Jäger ruft und Hunde bellen. Was sollen wir bloß jetzt tun? Nur fliehen, vielleicht retten uns unsere schnellen Füße? Wo werden wir uns wiedersehen?"
"Wenn nicht anderswo, dann sehen wir uns bei Gerber wieder. Der Krug geht solange auf den Brunnen, bis er sein Ende findet. So erwartet auch jeden Mutigen, der böse Taten begangen hat, sein Ende."

46. Wir sehen uns bei Gerber wieder. E 22777/9 (1) < Viljandi - Karl Kullamaa < A. K. suust (1890-ndatel). - Mtº 68 Med. Ein von A. Medne in Lettland notiertes Sujet; in Estland gibt es eine Variante in der Form des neueren Volksliedes.




Das Lachen des Hasen

In alten Zeiten wollte ein Hase von diesem Land auswandern. Er wollte deshalb in ein fremdes Land gehen, weil er alles fürchten, mit dem Tod kämpfen und vor allen Tieren in Angst fliehen mußte. Wie gedacht, so getan. Er ging.
Bis zum Weidekoppel von Niidunurme ging die Reise des Hasen glücklich und ohne Hindernisse. Dort war ein dichter Zaun um die Wiese und eine Schafherde fraß auf der Wiese, ein Junge mit einem Hund wachten dabei. Der Hase versuchte trotzdem sein Glück und wollte durch den Zaun schlüpfen, rief aber dabei ein lautes Geräusch hervor.
Die Schafe dachten, daß dort ein Waldgespenst lauert, und fingen an wegzulaufen. Der Hase blieb gleich stehen, schaute ihnen nach und fing an zu lachen, so daß sein Bauch bebte. Vor lauter Freude, daß die Schafe vor ihm Angst hatten, lachte der Hase sich die Lefze entzwei.
Jetzt kamen ihm auch andere Gedanken in den Kopf. Er drehte sich um und versprach, ewig dort zu bleiben, da er mit dem eigenen Auge gesehen hatte, daß irgendjemand auch vor ihm Angst hat.
Seine Lefze aber blieb ihm und den folgenden Geschlechtern entzwei. Daher kann man wissen, daß diese Geschichte tatsächlich passiert ist.

47. Das Lachen des Hasen. H II 14, 499 (36) < Ambla - Joosep Freimann (1890). - AT 70 - Furchtsamer als der Hase, 113 Varianten. Ein typisches Märchen mit einem häufiger bei den Sagen auftretenden Ende, bei A. Aarne als Entstehungs- ning Erklärungssage registriert (FFC 25 - US 35). Weit bekannt ist die Redensart "Entzwei gerissen wie die Lefze des Hasen".




Der Wettkampf des Frostes und des Hasen

Einmal wollte der Kältemann einen Hasen totfrieren. Der Hase lief schnell und sprang, aber nichts schien gegen den Frost zu helfen. Der Hase wurde immer steifer. Zum Schluß schrie er:
"Och, Wärme! Wärme!"
Als der Kältemann das hörte, hörte er mit dem Frieren gleich auf und sagte:
"Ich mache Frost, wie ich nur kann, aber er schreit immer noch, daß er "Wärme" genug habe."

48. Der Wettkampf des Frostes und des Hasen. H I 5, 264 (3) < Helme - Jaan Soots (1895). - AT 71 - 8 Varianten.




Was verborgen ist, ist verborgen

Es lebte eine armer Hase. Im Sommer führte er ein gutes Leben, solange die Jagdmänner nicht in den Wald kamen und es genug Nahrung gab. Als aber der Winter kam, dann hatte er viele Feinde und wußte nicht, wohin er fliehen sollte.
"Ich kann nichts dafür," dachte der Hase, "aber laß das sein, man muß doch leben. Sei das Leben, wie es ist."
Mehrmals war ihm schon der Tod nahe, aber trotzdem konnte er sich retten und lebte weiter.
Einmal war es im Winter sehr kalt. Der Hase hatte Hunger und seine Sorge war groß - woher bekomme ich zu fressen. Er ging alle Orte durch, bekam etwas zum Fressen und suchte jetzt einen Ort, wo er schlafen könnte. Es war kalt und es stöberte sehr stark. Was soll man tun. Er ging zu einem Zaunstab, drückte den Rücken gegen den Stab und freute sich:
"Was im verborgen ist, ist verborgen."
Selbst schlief er ruhig weiter.

49. Was verborgen ist, ist verborgen. S 105716/7 (45) < Setu, Vilo v., Truba k. - Paul Külaniit < Matroona Keskmaa (1935). - AT 71* - Schutz vor dem Regen, 12 Varianten. In Estland ist das Sprichwort: Hilfe vom Zaun, Schutz vom Netz (EV 13) populär, das aufgrund dieses Märchens zusammengestellt worden ist. In einigen Varianten kann die handelnde Person des Motivs der dumme Teufel sein.




Große Augen des Hasenjungen

Ein Hase hatte drei Tage alte Jungen. Der alte Hase warf einen Blick auf sie und sah, daß die Jungen gestillt werden wollten. Der Hase gab ihnen mit der Pfote über das Ohr:
"Du hast schon ebenso große Augen wie ich, du kannst dir schon selbst Nahrung suchen!"
Dann verließ er seine Jungen.

50. Große Augen des Hasenjungen. H II 32, 915 (3) < Räpina, Kureküla - Samuel Keerd (1891). - AT 72* - 9 Varianten. Im litauischen Märchen vertreibt der Hase seine Kinder wegen ihrer langen Backenhaare.




Der Fuchs und der Riemen

Ein anderes Mal fand ein hungriger Fuchs auf dem Weg einen Riemen und sagte:
"Ich würde den Riemen wohl auffressen, aber ich habe kein Fett," und er ging weiter.
Der Hunger wurde größer. Der Fuchs konnte nicht mehr weitergehen und sagte:
"Jetzt würde ich den Riemen schon ohne Fett auffressen, habe aber keinen Riemen mehr."

51. Der Fuchs und der Riemen. O. Loorits. Looduse häälitsusi ja kõnelusi. [Naturläute und Naturgespräche.] - Album. Kümme aastat noorpõlve. Tln., 1929, S. 58 < Koeru. - Mtº 72 D - 5 Varianten.




Der Hase prahlt

Einmal prahlte ein Schaf vor einem Hasen, daß es viele Spuren auf der Erde hinterlasse.
Der Hase antwortete:
"Du machst samt deinen zwei Lämmern im ganzen Jahr nicht so viele Spuren wie ich in einer Nacht."

52. Der Hase prahlt. Loorits 1929, 60 < Järva-Jaani. - Mtº 73 B - 1 Variante. Bekannt als Sprichwort: EV 2754 - 10 Varianten, in denen entweder ein Pferd mit einem Fohlen oder ein Schaf dem Hasen gegenüber stehen.




Der Wolf und der Kranich

Ein Wolf hatte ein Lamm gestohlen und hatte es etwas zu schnell heruntergeschluckt. Ein Knochen war ihm in der Kehle steckengeblieben und er mußte die ganze Zeit husten. Er ging in seiner Not herum und versprach den besten Lohn demjenigen, der ihm helfen könnte.
Dann kam ein Kranich und versprach, ihm zu helfen. Der Wolf machte das Maul auf. Der Kranich steckte seinen Schnabel hinein und zog den Knochen heraus.
Jetzt fragte der Kranich nach seinem Preis.
Der Wolf sagte grinsend:
"Das ist doch schon ein genug großer Preis, wenn du jetzt prahlen kannst: Mein Kopf war im Maul des Wolfes und ich habe ihm trotzdem heil herausgezogen! Welchen größeren Lohn willst du noch haben?"

53. Der Wolf und der Kranich. H III 26, 636 < Kroonlinn < Pilistvere - Jaan Keller (1890). - AT 76 - 12 Varianten. Eine Geschichte in estnischen Lesebüchern seit Willmann (1782).




Der Elch bewundert sich in der Quelle

Ein Elch stand lange an einem Brunnen, schaute die Widerspiegelung seiner prächtigen Hörner, drehte seinen Kopf und sagte:
"Hei, ihr alle Waldtiere! Gibt es jemanden, der den Mut hätte, sich gegen mich zu setzen! Seht ihr, wie ehrwürdig ich bin und welcher Schmuck mir am Kopf wächst! Ist diese Krone doch wie ein Zeichen, daß ich euer Häuptling bin! Kommt heraus, wo seid ihr alle! Niemand darf neben mir stehen! Ihr seid arme Bettler und passt nicht neben mich! Im Vergleich zu mir hat der Bär kraftlose Pfoten, der Wolf hat einen dicken steifen Hals, der Fuchs die Augen eines Gauners, der Hase ist wie eine nichtige Scheiße. Das Pferd prahlt zwar, aber sein Leben ist nur ein Gefängnis. Der Ochse ist so dumm, daß er es verdient hat, daß seine Haut abgezogen wird. Der Hund bellt ganze Nächte und Tage, macht nichts Gutes! Das Schaf blökt umsonst - was wird aus der bloßen Wolle!
Ich aber bin ein wirklich hohes Tier! Kommt heraus! Tretet hervor! Schaut, was ich am Kopf trage! Das kann mir keiner abnehmen, die Hörner werde ich mein ganzes Leben lang tragen. Würde jemand sich wagen, gegen mich zu treten, ich würde ihn mit dem Horn totschlagen!"
Ein kleiner Hase kam leise näher, wollte im großen Durst aus dem Fluß einen Schluck Wasser trinken.
Der Elch tadelte:
"Wie hast du den Mut, neben mich zu treten! Schau auf meine prächtigen Hörner! Was hast du, Armseliger? - Nichts!"
Der Hase sagte:
"Ich bin mit meinem Körper zufrieden. Die Hörner können dem stolzen Tier den Tod bringen."
Knall!
Dann wurde am Waldrand nochmal geknallt. Schon liefen Männer, einige waren zu Pferd. Eine Menge Hunde - einer nach dem anderen. Der Elch lief in den Wald, der Hase versteckte sich unter dem Busch.
Alle Jäger gingen auf die Jagd. Die Männer kamen von Pferden und gingen hinter den Hunden in den Wald, um nachzusehen, was dort dieses Geräusch hervorgebracht hatte. Die Hörner des Elches steckten fest. Die Äste der Kiefer schwankten noch. Er wollte sich wohl losreißen, aber ohne Erfolg.

54. Der Elch bewundert sich in der Quelle. ERA AK 318, 3/6 (2) < Viljandi - A. Mikk < M. Preis (19. Jh.). - AT 77 - 9 Varianten. Sujet einer alten Predigt. In Estland begegnet man ihm in der älteren Schulliteratur (Willmann 1782, Körber 1853, Lindfors 1855 u.a.).




Das Sündenbekenntnis des Wolfes

Das war wieder mein Großvater, der es etwas mit einem Wolf zu tun hatte.
Siehe, in alten Zeiten gab es keine Flinten, dafür gab es aber viele Wölfe. In alten Zeiten gab es sehr viele Wölfe.
Dieser Wolf war schon so alt, und ihm war ein halbes Hufeisen auf die Stirn festgeschlagen worden. Die Pferde schlugen ja von hinten aus und ein Hufeisen war dem Wolf in die Stirn hereingewachsen. Und nun lag der Wolf tot da.
Der Mann wurde angeklagt - wie konntest du den Wolf totschlagen, wenn du keine Flinte hattest?
"Er hat mir seine Sünden bekannt. Da lag er unter dem Busch und..."
"Welche Sünden hat er denn bekannt?"
"Er erzählte, wieviele Tiere er aufgefressen hat:
Fünfzig Bogennasen [Gänse],
sechzig krumme Schwänze [Schweine],
hundert Hörnige [Rinder],
tausend Wollige [Schafe]
und außerdem noch Huftiere."
Dann habe er ihm mit einem Stock auf den Kopf geschlagen:
"Was erzählst du da, wie lange willst du noch Tiere fressen!"
Der Wolf sei gleich auf die Erde gefallen und sei tot gewesen.
Früher geschahen solche schrecklichen Sachen. Man durfte keine Flinte besitzen. Sonst mußtest du noch vors Gericht treten und beweisen, wie du den Wolf gefangen hattest.
Vom Schwanz konnte ihn doch niemand halten.

55. Das Sündenbekenntnis des Wolfs. KKI MT 195, 59/60 < Juuru, Salutaguse k. - Helmi Viires < Maali Säärekõnnu, 65 J. (1957). - AT 77* - 41 Varianten. Das Märchen ist oft knapp, es kann auch nur den runolied-förmigen Bereuungsmonolog des Wolfs beinhalten. In etwa zwanzig Varianten machen die gleichen Metaphern das in ganz Estland notierte Rätsel aus: Tausend Schopfköpfe, hundert Hornköpfe [Rinder], fünfzig Bogennasen [Schweine], sechzig Stumpffüße [Pferde]. (Lösung: das Vieh.) Eine märchenförmige Weiterentwicklung ist auch bei den Liven und den Schweden bekannt.




Der faule Wolf

Ein Wolf lag solange neben einem Heuhaufen, bis es ihm im Bauch schon recht zu knurren anfing. Er stand auf, reckte sich, gähnte und sagte:
"Oi, oi, oi! - Ich bin hungrig, habe aber keine Lust, mir etwas zum Fressen zu suchen!"
Ein Mann, der heimlich hinter dem Haufen lauschte, nahm einen Knüppel und gab dem Wolf einen richtigen Schlag über den Körper.
Der Wolf dachte, daß dieser Schlag von Gott kam und sagte entschuldigend:
"Ach du lieber Gott! Er mag sogar eine Spaßgeschichte nicht zu hören!"

56. Der faule Wolf. H II 49, 844/5 (3) < Põltsamaa - Hans Utsal (1893). - Mtº 77 B - Der Wolf erwartet den Tod, 8 Varianten. Die einzige unkontaminierte Variante. Das Märchen enthält meistens ein humoristisches Abschlußmotiv im Rahmen einer längeren kontaminierten Geschichte über das Mißglück des Wolfs.




Der Wolf schilt die Dorfbewohner

"Huu," heulte ein hungriger Wolf zur Zeit des Lichtmesses [2. Febr.], "was für einen bösen Plan haben doch die Menschen! Der Himmel ist klar wie das Glas, der Weg glatt wie ein Brett, der Mond scheint am Himmel wie die Sonne - und sie schicken nicht das Vieh in den Wald!"

57. Der Wolf schilt die Dorfbewohner. Loorits 1929, 58 < Viljandi - Mtº 77 C - 4 Varianten.




Der Wolf hält sein Versprechen nicht

Ein Wolf biß die schönste Färse in der Herde einer Bäuerin tot. Der Bäuerin tat die Färse leid und sie fing an zu klagen, daß der Wolf eben die schönste Färse zerrissen hatte.
Der Wolf wurde wegen der Klagen der Frau betrübt und versprach ihr, der Färse Statt eine noch bessere Kuh zu bringen.
Die Bäuerin wartete und wartete, daß der Wolf sein Versprechen halten würde, der Wolf aber war und blieb ein Lügner. Am nächsten Tag zerriß er noch eine Kuh aus der Herde.
Der Schaden war groß.

58. Der Wolf hält sein Versprechen nicht. ERA II 134, 162/3 (11) < Saarde - J. P. Sõggel (1936). - Mtº 77 D 1) - 1 Variante.




Schafe und Wölfe

Die Schafe hatten es mit den Hunden abgemacht, daß diese sie vor den Wölfen schützen. Die Wölfe erfuhren von dem Plan und wollten mit den Schafen Frieden schließen. Es kam einer von den Wölfen, den Frieden zu stiften und so wurde der Frieden geschlossen. Die Wölfe versprachen, den Schafen nie etwas Böses anzutun, wenn diese bloß den Vertrag mit den Hunden aufheben würden.
Dafür mußten die Wölfe ihre Jungen den Schafen als Pfand abgeben und bekamen von den Schafen ihrerseits ihre Lämmer.
Als jetzt der Frieden geschlossen war, wurden die Hunde vertrieben. Die Wölfe brachten ihre Jungen zu den Schafen und diese gaben ihre Lämmer den Wölfen zu hüten.
Die Schafe wollten natürlich nicht unbedingt unter der Macht der Hunde leben. So hatten sie jetzt das andere, bessere Leben.
Schon aber kamen ihnen Pechtage, da die Hunde nun weg waren. Und was passierte zum Schluß?
Nichts anderes, als daß die alten Schafe zerrissen wurden und die Lämmer den Wölfen zur Speise wurden.
So gingen sie alle zugrunde, da es keine Hunde mehr gab, die die Schafe geschützt hätten.

59. Schafe und Wölfe. H III 26, 634/5 < Pilistvere - J. Keller (1895). - Mtº 77 D 2) - 1 Variante.




Der Wolf fürchtet den Biß

Ein Wolf klagt:
"Ich, der arme Mann, muß immer das Beißen ertragen! Niemand kann mehr weh tun als ein Schwein. Der Eckzahn eines Schweins ist wie ein Rasiermesser, der Zahn des Hundes bloß wie eine Wergkunkel."
Ein anderes Mal hatte ein Pferd den Wolf mit dem Huf geschlagen, als dieser ein Fohlen angreifen wollte.
Der Wolf sagte:
"Das tut doch gar nichts, du wirst hochgeworfen wie ein Garnknäuel, wenn aber jemand mit seinen Zähnen beißt, bist du wie zwischen der heißen Zange des Schmiedes."
Aber auch ein Pferd hat in seinen Zähnen viel Kraft, die es zu seinem Schutz gut anwenden kann.

60. Der Wolf fürchtet den Biß. Mtº 77 F - 2 Varianten.




Der Igel vertreibt den Bären aus der Höhle

Es kam an einem stöbrigen Abend ein Igel zu einem Bären und bat, daß dieser ihm in seiner Höhle einen Platz geben würde. Der Bär erlaubte den Igel gern in die Höhle kommen.
Am Anfang war der Igel mit dem Bären ziemlich zufrieden, dann aber wurde der Eindringling schon ganz frech und fing an, dem Bären lästig zu werden. Er breitete seine Stacheln aus und stach den Bären. Zum Schluß konnte der Bär so nicht mehr weiterleben und sagte seinem Gast:
"Am Anfang lebten wir gut genug, aber jetzt sehe ich, daß unser Haus für uns beiden zu eng ist und einer von uns wahrscheinlich ausziehen muß."
Der Igel sagte dem Bären:
"Das sehe ich auch selbst, daß wir zu zweit nicht mehr zurecht kommen. Ich fühle mich hier aber gut, laß dieser geht weg, dem es zu eng ist."
Der Bär geriet in Zorn und wollte den Igel bestrafen. Er griff den Igel an den Rücken und wollte ihn hinausschmeißen, verletzte sich aber so schlimm, daß ihm die Nase und der Mund blutig wurden. Vor großem Schmerzen fing er an zu jaulen und lief aus der Höhle. Die Höhle blieb dem Igel.

61. Der Igel vertreibt den Bären aus der Höhle. E 3956 < Ambla - Karp Kuusik (1893). - AT 80 - 11 Varianten. Dasselbe Sujet wird im Zusammenhang mit dem Bären und dem Dachs oder mit zwei Hunden erzählt. Eine gut bekannte Redensart.




Das Haus des Hundes

In einem kalten Winter kroch ein Hund zu den Menschen ins Zimmer, mußte aber wieder hinausgehen, um das Haus zu bewachen. Draußen in der Kälte dachte er: "Wenn es Sommer wird, werde ich mir selbst ein Haus bauen."
Wenn aber der Sommer kam, lief der Hund, die Zunge vor großer Hitze aus dem Maul hängend, herum und legte sich in den Schatten.
"In einer solchen Hitze kann man doch kein Haus bauen. Es kommt Winter, dann werde ich bauen," beschloß er.
Es kam der Winter - er verschob seine Bauarbeit wieder. So geschah es, daß der Hund sich bis heute kein Haus gebaut hat. Immer noch muß er die Kälte des Winters und die Hitze des Sommers ohnehin aushalten.

62. Das Haus des Hundes. H III 17, 73 (1) < Viru-Jaagupi, Vinni (Tallinn) - V. Truu (1894). - AT 81 - Das Haus des Hasen, 2 Varianten.




Der Hase straft seine Augen

Ein Mann säte den Klee aufs Roggenfeld. Ein Hase sah es zu und sagte:
"Ich will gehen und das absammeln, was der Mann sät."
Er ging sammeln, aber fand nichts. Er sagte:
"Wahrscheinlich scherzte der Mann einfach und säte nichts."
Nach einiger Zeit, als der Klee auf dem Feld größer wuchs, kam der Hase zufällig wieder zu diesem Feld und sah den Klee. Er sagte:
"Augen, wie könnt ihr jetzt sehen, während ihr beim Säen nicht sehen konntet!" und kratzte sich die Augen aus, weil sie zum Sehen so unfähig waren.

63. Der Hase straft seine Augen. E 25363 (24) < Varssavi < Võnnu - Jaan Rootslane (1896). - Mtº 81 A - die einzige Variante. Vrd. Mtº 245 C.




Die Wölfe plagen den Bären

Es stritten einmal ein Bär und ein Wolf und der Bär als der stärkere bekam Macht über den Wolf. Der Wolf dachte, daß ihm die Seele ausgehen wird.
Zufällig kamen aber sechs Wölfe in einer Reihe durch den Wald und hörten ein Klagen und Jaulen. Sie gingen näher und sahen: der Bär plagt ihren Verwandten. Sie griffen zu. Dem Bären blieb keine andere Möglichkeit, als auf einen Baum hochzuklettern. Die Wölfe blieben mit ihren Mäulern schmatzend unter dem Baum warten.
Dann glaubten die Männchen, den Baum fällen zu können. Sie gruben ganz tief und arbeiteten einen halben Tag, aber was kann man einer uralten Kiefer mit bloßen Nägeln antun. Endlich gingen sie wütend in andere Orte.
Dann kam der Bär von der Kiefer herunter und machte sich aus dem Staub. So rettete er sich dieses Mal aus der Gefahr. Er sprang mit einem Satz in seine Höhle und ließ sich drei Tage lang nicht mehr im Wald erblicken.

64. Die Wölfe plagen den Bären. ERA II 261, 154/5 (10) < Kuusalu, Kolga v. - Salme Hirrend < Joost Kalmholm (1939). - [AT 87 A* ] - Der Bär wirft Holzscheite, 36 Varianten. In den meisten Varianten dieser Geschichte wirft ein Bär von einem Holzhaufen den Wölfen Holzscheite zu. In einer litauischen Geschichte wirft er Heubündel.




Der Streit des Bären und des Eichhörnchens

Ein Bär ging einmal in den Türkenhafer [eine Hafersorte, die früher in Estland angebaut wurde] der Dorfbewohner und fraß sich satt. Dann wollte er in den Wald zurückgehen. Er sah ein Eichhörnchen am Baum Zapfen kauen.
Der Bär sagte:
"Du, alter Freund, hast du denn eine so schlechte Speise zum Frühstück - nur Zapfen?"
Das Eichhörnchen erwiderte:
"Spotte nicht! Diese Zapfen wird mir niemand verbieten, du aber frißt dich in ungerechter Weise vom Türkenhafer der Dorfbewohner voll!"
Der Bär wurde wütend und fing an, dem Eichhörnchen nachzujagen. Er kletterte hinter dem Eichhörnchen auf den Baum. Das Eichhörnchen kam wieder schnell herunter. Der Bär sah das, aber ehe er sich einmal bewegen konnte, war das Eichhörnchen wieder oben. Der Bär ebenso. Er sah, wie das Eichhörnchen von einem Baum an den anderen sprang. Der Bär versuchte auch zu springen. Er fiel aber herunter - genau in einen Ameisenhaufen. Es tat ihm so weh, daß er sogar seine Schläfen nicht mehr bewegen konnte. Die Ameisen aber bissen und plagten den Bären die ganze Zeit.
Schließlich faßte der Bär seine Kräfte wieder zusammen und lief vor großen Schmerzen in einen nahgelegenen Bach. Dort wälzte er sich, bis der Schmerz nachließ. Dann ging er wieder in den Türkenhafer und fraß sich satt. Danach ging er wieder dem Eichhörnchen nachjagen. Das Eichhörnchen lief an einen hohen Baum, der mit einer Astgabel endete, der Bär hinterher. Zum Unglück konnte der Bär sich nicht mehr festhalten und fiel herunter zwischen die Astgabel, von wo er nicht mehr weg konnte.
Dort sei er auch gestorben.

65. Der Streit des Bären und des Eichhörnchens. E 35381/2 (9) < Kadrina, Hõbeda - Alfred Constantin Kivi (1898). - Mtº 87 C - die einzige Variante.




Der Wolf und der Bär als Gegner

Als ein Wolf einmal zum Zeitvertreib zu einem Fest ging, sah er dort ein gemästetes Schwein. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Er schmiedete Pläne, wie er das Schwein wegstehlen könnte. Er ahnte, daß es ihm allein nicht gelingen wird und bat seinen Vertrauensmann, den Bären, zur Hilfe.
Der Bär war mit dem Vorschlag zufrieden und so gingen sie in einer stürmischen Nacht auf diesen Bauernhof, um das Schwein zu stehlen. Am Anfang versuchte der Wolf, das Schwein sich auf den Rücken zu heben - er hatte aber nur die Kraft von zwei Männern, also war er zu schwach. Der Bär, der die Kraft von acht Männern hatte, hob sich das Schwein auf den Rücken und trug es nach Hause.
Zu Hause begann das Teilen. Da der Bär meinte, daß ihm wegen des Tragens das Vorrecht gehört, nahm er sich das Schwein auf den Rücken und ließ den Wolf mit dem leeren Magen und wässrigem Mund da bleiben. Der Wolf ging weg und schimpfte.
Bis zu dieser Zeit waren der Wolf und der Bär große Freunde gewesen, von nun an aber schwörte der Wolf, daß sie sich nie versöhnen werden und sie blieben tatsächlich das ganze Leben lang Feinde.

66. Der Wolf und der Bär als Gegner. ERA II 14, 78 (43) < Saarde, Räägu m. - J. P. Sõggel < Peeter Ruukel (1929). - Mtº 87 D - 1 Variante.




Der Bär jammert

Der Bär soll keine Augen- und Bauchkrankheiten kennen, wohl aber Zahn- und Zehenschmerzen. So habe er in alten Zeiten gesagt, als er klagte:
"Die Augenkrankheit kann zwar schlimm sein, Zahnschmerzen und Zehenschmerzen aber nehmen einem den gesunden Mannesverstand ganz aus dem Kopf!"

67. Der Bär jammert. ERA II 80, 526 (14) < Setu, Mäe v. - Magnus Jennes (1934). - Mtº 88 A - 1 Variante.





Der Bär in der Kirche

Der Glockner der Kirche vergaß es, die Tür der Kirche zu schließen, und ging selbst weg. Am Sonntag aber, als die Leute einmal in die Kirche kamen, fanden sie einen Bären in der Kirche. Er war schon in die Kanzel gegangen und schaute über den Kanzelrand herunter.
Die Leute liefen, schrien und hatten Angst. Als die Orgel aber anfing zu spielen - der Küster spielte auf der Orgel - fing der Bär an, sich vergnügt in der Kanzel zu schwingen. Dann auf einmal fiel er mit einem großen Krach von der Seite herunter.
Die Frauen liefen schreiend aus der Kirche, der Bär hinterher.

68. Der Bär in der Kirche. RKM Mgn II 365j < Tori, Oreküla - P. Kippar und A. Krikmann < Liisa Kümmel, 75 J. (1963). - Mtº 89 A - 2 Varianten.




Der Bär macht Musik

Ein Bär habe einmal Musik gemacht. Es waren Männer im Wald und hörten immer wieder eine solche Stimme, die nicht gerade nach einem Lied klang, aber doch eine seltsame Stimme war.
Sie gingen näher und sahen einen großen vom Blitz geschlagenen Baum. Es waren solche Splitter - wenn der Blitz schlägt, bleiben immer solche Splitter, also gab es große, lange Splitter, deren untere Spitzen vom Baum getrennt waren, die oberen aber noch am Baum feststanden. Der Bär war da, eine alte Bärin, sie zog an diesen halb-abgeschlagenen Splittern, so daß die seltsame Stimme verlautete "kemm-keuu, kemm-keuu!" So schallte es noch hinterher. Die Jungen waren um die umringten die Mutter und tantzten nach dieser Musik. Die Bärin aber spielte und spielte.
So sahen die Leute, daß der Bär sehr gern Musik haben will und auch selbst im Wald Musik macht. Die Bären mögen doch Musik.

69. Der Bär macht Musik. RKM II 156, 560 (10) + RKM Mgn II 866 b) < Tori, Oreküla - Pille Kippar und Arvo Krikmann < Liisa Kümmel, 75 J. (1963). - [Mt* 89 Med] - 2 Varianten.




Der Handschuh, die Stricknadel und die Nadel

Handschuh, Stricknadel und Nadel fingen an, in die Stadt zu gehen. Die Nadel ging durch den Wald, der Handschuh und die Stricknadel aber blieben auf dem Weg. Die Nadel fand immer wieder etwas im Wald, der Handschuh und die Stricknadel aber fanden gar nichts.
Zuerst fand die Nadel einen kleinen Kessel. Sie rief:
"Handschuh! Stricknadel! Wartet, die Nadel hat ein gutes Ding gefunden!"
Es kamen der Handschuh und die Stricknadel, um nachzusehen, was die Nadel gefunden hatte. Sie tadelten die Nadel, daß diese um ein so unnützes Ding so laut geschrien hatte, und gingen weiter.
Bald fand die Nadel ein Messer und fing wieder an zu rufen:
"Handschuh! Stricknadel! Wartet, die Nadel hat ein gutes Ding gefunden!"
Wieder kamen die anderen und prügelten sie, weil sie umsonst gerufen hatte.
Der Handschuh und die Stricknadel gingen wieder den Weg entlang, die Nadel aber blieb im Wald. Dann fand die Nadel ein Streichholz und rief wieder:
"Handschuh! Stricknadel! Wartet, die Nadel hat ein gutes Ding gefunden!"
Diese aber prügelten sie, weil sie das Gefundene für nichts hielten.
Sie gingen weiter. Die Nadel fand noch eine Axt, rief ebenso und wurde ebenso geprügelt.
Beim Weitergehen fand er einen Ochsen. Die Nadel ging dem Ochsen unter das Herz und der Ochse starb. Jetzt rief die Nadel wieder:
"Handschuh! Stricknadel! Handschuh, Stricknadel! Die Nadel hat ein gutes Ding gefunden!"
Der Handschuh und die Stricknadel kamen wieder und sagten:
"Das ist wirklich ein gutes Ding."
Jetzt waren alle Dinge nötig: das Messer zum Schinden, die Axt zum Fleischhauen, die Streichhölzer zum Feuermachen und der kleine Kessel zum Kochen.
Dann sagte die Nadel:
"Seht, Brüder! Ist es nicht wahr, daß wir jetzt alle Dinge gebrauchen können?"
Der Handschuh und die Stricknadel waren einverstanden:
"Jaa, alle sind nötig."
Dann fingen sie an, ein Fest zu feiern. Es kamen alle - Adler, Krähen, Elstern. Es kam auch eine Henne. Der Adler wollte die Henne auffressen. Die Henne lief in den Versteck.
Die Henne ging allein im Wald und im Sumpf weiter und machte unter einem Wacholder einen kleinen Misthaufen. Dieser fing an zu rauchen. Die Henne schaute zurück und dachte, daß hinter ihrem Rücken der Wald brennt.
Eine Dorffrau fragte:
"Henne, warum fliehst du?"
Die Henne antwortete:
"Laß uns weglaufen! Der Wald brennt hinter uns!"
Sie lief weiter. Sie traf einen Hasen, der fragte:
"Warum fliehst du?"
"Flieh, flieh doch, Gevatterchen, der Wald hinter uns brennt!"
Sie flohen, bis ihnen ein Wolf entgegen kam.
"Warum flüchtet ihr?"
"Laß uns doch flüchten! Die Henne selbst mit ihren zwei runden Augen sah, daß der Wald hinter uns brennt!"
Der Wolf kam mit. Sie liefen weiter. Es kam ein Bär.
"Gevatter, warum flüchtet ihr?"
"Laß uns zusammen fliehen! Die Henne selbst mit ihren zwei runden Augen sah, daß der Wald hinter uns brennt!"
Sie liefen alle zusammen, bis ein Fuchs kam und sie ihm dasselbe sagten.
Sie liefen in einen großen Wald in ein großes Loch. Sie wohnten in diesem Loch und bekamen keine Nahrung. Sie berieten über die Sache und faßten den Entschluß, zusammen zu schreien. Wessen Stimme sich beim Schreien als die hellste aufweist, wird aufgefressen. Die Henne schrie zuerst und wurde aufgefressen.
Sie lebten weiter und wieder gab es nichts zu essen. Nach dem zweiten Schreien wurde der Hase zum Mittag gegessen. Der Fuchs aber nahm heimlich die Därme des Hasen und steckte sich unter den Hintern.
Sie lebten weiter und schrien, bis der Wolf zur Speise wurde. Sie fraßen ihn auf und der Fuchs sammelte sich wieder etwas unter den Hintern. Als der neue Hunger kam, sagte der Fuchs dem Bären:
"Es bleibt uns nichts anderes über, wir müssen unsere eigenen Därme fressen," und der Fuchs fing an zu fressen.
Der Bär zog auch seine Därme heraus und sagte zum Schluß:
"Ach, Gevatter, es tut sehr weh!" und zog an seinen Därmen, bis er starb.
Der Fuchs blieb allein und lief in den Wald.
Deshalb wird er auch für klug gehalten.
Hier hat das Märchen sein Ende.

70. Der Handschuh, die Stricknadel und die Nadel. S 87094/9 (5) < Setu, Vilo v. und k. - Mihail Peramets < Jevdokia Palokene, geb. 1886 (1934). - AT 90 + 20 C + 20 A + 21 - Die Nadel, der Handschuh und die Ahle, 1 Variante + Die Tiere flüchten vor der Gefahr 34 t. + Die Tiere im Fangloch (in der Grube), 68 Varianten + Das Fressen der eigenen Eingeweide, 64 Varianten. In der gegebenen Form die einzige Variante.




Die gute Beute der Jäger

Eine alte Bärin hatte ihre Jungen im Wald aufgezogen und brachte sie auf ein Haferfeld, damit die Kleinen zum ersten Mal die Leckerspeise probierten und lernten, sich vor dem bösen Jäger zu retten. Als sie auf dem Haferfeld waren, lehrte die alte Bärin ihnen, daß sie gleich in den Wald fliehen müssen, sobald sie hören, daß die Tür geöffnet wird, weil dann aus dieser Richtung der böse Jäger mit der Flinte kommt, der keinen Spaß versteht. Falls sie aber vom Wald ein Geräusch hören, brauche man darauf keine Aufmerksamkeit zu lenken, dort könne sich nur vielleicht ein kleines Hasenjunge bewegen und sonst nichts. Die Bärin meinte, daß sie, wenn sie aus dem Wald ein Geräusch wahrgenommen haben, auf dem Haferfeld ruhig weiter trällern und feiern können.
In guter Laune und bei langem Gespräch merkte die alte Bärin nicht, daß durch das Feld ein Graben lief und sie fiel dort hinein. Auf dieses Geschehnis schreckten sich die Bärenjungen halbtot, weil sie dachten, daß jetzt aus dem Bauernhof der Jäger kommt. Sie liefen in den Wald und ließen die alte Bärin auf dem Feld.
Am Waldrand wachten aber die Jäger und erschossen die beiden Bärenjungen. Da es in dieser Zeit noch alte Flinten gab, mit denen man nur einmal schießen konnte und dann wieder laden mußte, gerieten die Jäger nun in Gefahr. Die alte Bärin kam fast gleich hinter den Bärenjungen und die Männer hatten keine Zeit, die Flinten zu laden. So hatten sie keine Rettung, da die Bärin, die wegen des Todes der Kleinen sehr böse war, sie gleich angriff.
Jetzt waren die Männer in großer Not, aber doch faßten sie ihren Mut zusammen und gingen mit Messern und leeren Flinten der wütenden Bärin entgegen.
Die Schlacht zwischen den Männern und der Bärin dauerte fast zwei Stunden, bis sich endlich die Männer als Sieger entfernen konnten. Die Männer wollten der Bärin auf die Nase schlagen, da man so einen Bären leicht töten kann, die Bärin aber wußte ihre Nase gut hüten. Die Männer, verletzt und totmüde, waren zum Schluß doch stärker und erschlugen allmählich die Bärin.

71. Die gute Beute der Jäger. ERA II 134, 150/2 (3) < Saarde - J. P. Sõggel < P. Sõggel (1936). - [Mtº 90*] - Der Bär lehrt seine Jungen - 2 Varianten.




Der Bär auf dem Rücken des Ochsen

In Tudu wuchsen große Wälder, wo es große Fichten, Kiefern und Birken gab. Im Wald gab es viele Elche, Rehe, Bären und Wölfe. Meine Augen haben noch keinen Wolf gesehen.
Es kamen Bären aufs Feld und trampelten auf den Getreideschobern, beschmutzten sie und trugen sie in den Wald. Die Bären gingen auf ihren zwei hinteren Pfoten, knirschten mit den Zähnen und schrien.
Einmal ging der Winterweg über einen schlafenden Bären. Die Schlittenkufen hatten eine Seite des Bären kahl geschliffen. Beim Fahren merkte man nichts, weil eine Schicht Schnee und Eis dazwischen lag. Als es Frühling wurde, wachte der Bär auf. Die Herrschaften erschossen ihn, das Fleisch des Bären taugt ja zum Essen.
Roogli-Jaan hatte einen Ochsen, dem ein Bär auf den Rücken sprang. Der Ochse kam nach Hause, so daß ihm der Bär auf dem Rücken saß. Als der Ochse aus dem Tor hineinging, hielt der Bär sich mit einer Pfote am Torpfosten fest und riß mit der anderen Pfote ein Stück Fleisch aus der Seite des Ochsen. Der Ochse war so verletzt, daß man ihn schlachten mußte.
Dem alten Hausherren von Roogli riß ein Bär einmal seine Kopfhaut mit den ganzen Haaren ab. Die Haut wurde auf die alte Stelle gelegt und der Mann blieb am Leben.
Man sagt, daß der Bär den Mann in die Erde begräbt, nachdem er ihm das Blut ausgesogen hat.
Ein Bär - wenn er nichts anderes zum Fressen hat - frißt Ebereschenbeeren. Er drückt einen Baum nieder, liegt auf dem Bauch und frißt. Früher habe der Bär gesagt:
"Ebereschenbeeren und Preiselbeeren - die Nahrung des Mannes, Strömlinge und Brot - die Nahrung des Schweins."
Der Bär hat die Kraft von neun Männern und die Vernunft von einem Mann, der Wolf aber hat die Vernunft von neun Männern und die Kraft von einem Mann.

72. Der Bär auf dem Rücken des Ochsen. ERA II 176, 412/4 (3) < Haljala, Aaspere v., Sauste k. - J. A. Reepärg < Maarja Kurs (1937). - [Mt* 91 Med] + AT 117 - Der Winterweg über die Höhle des Bären, 9 Varianten + Der Bär auf dem Rücken des Ochsen, 18 Varianten.